Reader Avantarde

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N EU E LIN K E W ir möchten in d ieser Deb a tte-N ummer eine Diskussion eröffnen zum Beg riff d er A va ntg a rd e, d essen kritische U ntersuchung a uch für künftig e K ä mp fe und O rg a nisa tionsformen von Bed eutung ist. W ir b eg innen mit d em ersten von zw ei Teilen einer Sta nd ortb estimmung d urch A la in Bihr (Red .). A la in Bihr

Zum Begriff der Avantgarde Heute scheint der Begriff der Avantgarde im besten Fall ins Museum der Arbeiter_innenbewegung zu gehören, im schlimmsten Fall in den Abfalleimer der Geschichte. Es gibt es praktisch keine Orga-

das den Kern des Kampfs der Unterdrückten darstellt. Die Anderen, aus der leninistischen Tradition stammend, wagen es nicht mehr, auf die Vorstellung der Avantgarde zu verweisen – dies gilt für die grosse Mehrheit

dass «die Emanzipation der Arbeiter das Werk der Arbeiter selbst sein muss» (Prä-ambel der Statuten der internationalen ArbeiterAssoziation, d.h. der I. Internationale) und den Satz unterschreibt: «Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun», wie es Eugène Pottier richtig in einer Strophe der Internationale sagte. Mein Vorhaben mag wie eine Inkonsequenz oder eine Provokation erscheinen. Der Gedankengang ist in Thesen formuliert. Ich erhebe nicht den Anspruch, die Frage erschöpfend zu behandeln. Manche Probleme, die der Begriff der Avantgarde heute stellt, werden offen oder beiseite gelassen. Der Text ist als Diskussionsbeitrag gedacht.

These 1. Avantgarde und Generalstab sind nicht dasselbe

A ufsta nd d er Pa riser Kommune 1 87 1 .

nisation mehr, die sich zu den Erben der Arbeiter_innenbewegung zählt und sich positiv auf den Begriff der Avantgarde bezieht. Die Einen, von einer antiautoritären

unter ihnen – oder haben sogar explizit darauf verzichtet angesichts der Tragödien und Verbrechen, die im Namen der Avantgarde geschehen sind.

«Die Avantgarde muss offen bleiben für das historische Werden, für den Erfindungsgeist des kämpfenden Proletariats.» Tradition (z.B. libertäre oder rätedemokratische Strömungen) her kommend, haben den Begriff der Avantgarde schon immer abgelehnt. Sie verstehen ihn als direkten Gegensatz zum Projekt der Selbstemanzipation,

Der hier unternommene Versuch, dieses Konzept wieder aufzunehmen, ist also ein gewagter. Erst recht wenn man sich (wie ich) zu einem nicht autoritären Konzept der sozialen Revolution bekennt; wenn man denkt,

Ich bin der Überzeugung, dass die ganze Diskussion rund um den Begriff der Avantgarde durch die Verwirrung zwischen Avantgarde und Generalstab verzerrt wird. Wir müssen mit der Unterscheidung dieser zwei Begriffe beginnen. Da sie aus einer militärischen Metapher stammen, beziehen wir uns auf das Handwerk des Krieges und auf die Organisation von Armeen. In diesem Feld sind die beiden Begriffe eindeutig zu unterscheiden. In der militärischen Organisationsform – das prototypische Modell der hierarchischen und autoritären Organisation – ist der Generalstab das Organ, das die Bewegungen aller Truppenteile führt, organisiert und kontrolliert, dies nach einer nur ihm bekannten Strategie und nach einer Taktik, die sich je nach Umstände ändert. Der Generalstab verlangt und erhält normalerweise bedingungslose Unterordnung der unteren Hierarchiestufen und selbstverständlich der einfachen Soldaten. Die Befehle des Generalstabs durchlaufen die ganze Befehlskette und er erwartet von den unteren Stufen umgekehrt Ausführungen und Informationen, die es erlauben, Befehle falls nötig zu berichtigen. Hingegen ist die Avantgarde ein kleiner Teil der sich in Bewegung befindenden Truppe, 21

NEUE LINKE – Zum Beg riff d er A va ntg a rd e

«Die Avantgarde ist vollständiger Bestandteil der Bewegung, ihre vorderste Spitze, ihr suchender Kopf.» der nach vorne abgesetzt ist von der Mehrheit, um das Terrain zu inspizieren, die vom Feind besetzten Positionen und seine Absichten zu eruieren, ja sogar notfalls eine unvorhergesehene Offensive des Feindes abzuwe