Strauss - Philosophy as Rigorous Science

Strauss - Philosophy as Rigorous Science

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DZPh, Berlin 56 (2008) 4, 495–509

Hegels Begriff des Staates als „Irdisch-Göttliches“* Von Andrew Buchwalter (Jacksonville) Einer der vielen Fehler, die Hegel nachgesagt werden, ist sicherlich, dass er politischen Institutionen göttliche Attribute zuzuschreiben scheint. Man sagt, dass Hegel sich moder­ nen politischen Entwicklungen entgegenstellt, dass sein tiefer Konservatismus existierenden politischen Gebilden Ewigkeitsstatus beimisst, und dass er politischen Institutionen, die indi­ viduelle Freiheiten systematisch der Staatsmacht unterordnen, Autorität zuspricht. Weiter an Stärke gewinnen solche Annahmen durch die ihm nachgesagte Neigung, zur Charakterisierung des Staates spinozistische Kategorien heranzuziehen. Nicht genug damit, dass er Individuen als kontingente Attribute der dem Staat unterliegenden Substanz anzusehen scheint, bestärkt die Entschiedenheit, mit der er den Staat als göttlich selbstverursachend betrachtet, die Ansicht, dass sich politische Institutionen aus sich selbst heraus legitimieren und taub gegenüber dem Willen derer sind, die ihnen unterstehen.1 Im Folgenden soll nicht die Zentralität von Religion, und insbesondere des Christentums, für Hegels Begriff des Politischen bestritten werden. Auch die Bedeutung gewisser spinozis­ tischer Kategorien in Hegels Verständnis dieser Beziehung wird nicht geleugnet. Was aller­ dings angefochten wird, ist die autoritäre Sicht, die Hegels politischer Theologie immer noch anhaftet. Mein Ziel ist es zu zeigen, dass in einem korrekten Verständnis von Hegels Sicht der Beziehung zwischen Religion und Politik, wie sie sich in seiner Konzeption des Staates als Irdisch-Göttliches2 herauskristallisiert hat, eine Konzeption zu Tage tritt, die mit modernen und sogar postmodernen politischen und kulturellen Entwicklungen nicht nur kompatibel ist, sondern sie sogar befürwortet. Meine Erörterung untergliedert sich in drei Teile. Zunächst fasse ich Hegels Sicht der Bedeutung des Christentums, insbesondere des protestantischen Christentums, für das welt­ liche soziale Leben kurz zusammen. Dabei arbeite ich heraus, wie der Protestantismus für Hegel ein Verständnis des Geistigen gestattet, das auf die weltliche Verwirklichung des Begriffs der Freiheit ausgerichtet ist. Zweitens zeige ich, dass Hegel zwar die Idee eines Irdisch-Göttlichen mithilfe eines Begriffs göttlicher Selbstverursachung entwickelt, der sich spinozistischer Kategorien bedient, dass aber seine Darstellung – im Gegensatz zu der *

Eine Fassung dieses Aufsatzes wurde auf der Tagung Hegels Theorie der Individualität (29. Septem­ ber–1. Oktober 2006) in Debrecen, Ungarn, vorgetragen. 1 Vgl. R. Haym, Hegel und seine Zeit, Berlin 1957, 357–391. 2 G. W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Recht, in: ders., Werke in zwanzig Bänden (Sigle: Werke), hg. v. E. Moldenhauer u. K. M. Michel, Frankfurt/M. 1970, Bd. 7 (Sigl: R), § 272 A. Brought to you by | Yonsei University Authenticated Download Date | 4/23/19 1:56 PM

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Andrew Buchwalter, Hegels Begriff des Staates als „Irdisch-Göttliches“

Spinozas – den Wirklichkeiten von Endlichkeit und Geschichtlichkeit nicht nur Rechnung trägt, sondern dass sie für ihre eigene spezifische Wirklichkeit sogar von deren Einbindung abhängt. Im dritten Teil gehe ich näher ein auf einige Implikationen des Begriffs der gött­ lichen Selbstverursachung für eine Lehre von der Politik, wobei ein besonderes Augenmerk auf den Themen Konstitutionalismus, öffentliche Deliberation, politischer Pluralismus und einer modernen Konzeption des Gemeinwohls liegt.

I. Christentum, Protestantismus und Weltlichkeit Beginnen wir mit einigen allgemeinen Beobachtungen hinsichtlich Hegels Auffassung der Beziehung von Religion und Politik. Laut Hegel drückte sich diese Beziehung im Christen­ tum am vollkommensten aus. Als eine geoffenbarte Religion liegt die Bedeutsamkeit des Christentums für ihn nicht zuletzt darin, dass hier das Endliche und das Unendliche, das Menschliche und das Göttliche auf entscheidende Weise verbunden wur